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Ich bin wieder da

Acht Monate Funkstille sind genug. Und das in diesen Zeiten! Wo so viel spannendes, drammatisches, tragisches  passiert in Italien. Aber genau das hat mich voruebergehend zur Schweigebloggerin gemacht. Ich habe im Radio berichtet, rauf und runter, und dann keine Worte mehr gehabt. Als ich zu bloggen begann, tat ich es, weil es mir unglaublich erschien, das sich das europäische Parlament, die europäischen Staatschefs, die Politiker in Deutschland, gar nicht drum scheren, was in Italien ablaeuft. Seit Jahren, Tag fuer Tag. Demolierung der Demokratie, Selbstbereicherung und Auspluenderung der staatlichen Kassen durch die politische Klasse, Korruption, Geschenke an die Mafia etc. etc. Tja, jetzt schauen sie nach Italien, beschaeftigen sich wohl oder uebel mit der italienischen Misere,  weil ihnen sonst der Euro um die Ohren fliegt. Bancarotta con il botto, hat meine Lieblingszeitung Il fatto quotidiano so treffend geschrieben, also Bankrott mit Knalleffekt. Wer zieht jetzt den Karren aus dem Dreck? Supermario alias Mario Monti? Wie reagieren die Gewerkschaften auf knallharte soziale Einschnitte und weniger Kuendigungsschutz? Wie verhalten sich die italienischen Unternehmer? Welche Konsequenzen erleben die Italiener in ihrem Alltag? All diesen Fragen gehe ich in der naechsten Woche nach. Mit einer taeglichen Reportage auf den drei Wellen des DeutschlandRadio, ich freu mich drauf!

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Jede Stimme zählt: Berlusconi, König der Feilscher

Silvio Berlusconi steht eine Kraftprobe bevor. Über seinem Kopf hängt das Damoklesschwert des Misstrauensvotums am 14. Dezember. Der ehemalige Koalitionspartner Gianfranco Fini lehnt eine Regierung mit Berlusconi an der Spitze ab und hat deshalb im Sommer mit einer Gruppe von Abgeordneten Berlusconis Partei „Volk der Freiheit“ verlassen. Wenn diese Gruppe am 14. Dezember mit der Opposition gegen Berlusconi stimmt, verliert der Ministerpräsident seine Mehrheit im Parlament.  Das will er mit allen Mitteln verhindern. Und so versuchen seine Getreuen, so viele Abgeordnete wie möglich  auf seine Seite zu ziehen. Mit allen Mitteln? Jawohl! „Campagna acquisti“ nennen es die italienischen Medien. Der Ausdruck stammt aus der Welt des Fußballs und bedeutet so viel wie „das große Kaufen“,  und überträgt man den Begriff vom Platz ins Parlament, dann ist der größte Verein auf dem Feld Berlusconis Partei „Volk der Freiheit“ und die braucht dringend Spieler. Spieler, die am 14. Dezember für die Regierungsmannschaft stimmen, insbesondere für den Kapitän.

Und Silvio Berlusconi hat sogar eine Art Headhunter eingesetzt, der so viele Ja-Stimmen wie möglich für die Vertrauensfrage am 14. Dezember  einsammeln soll. Der Abgeordnete heißt Mario Pepe und ist ein typischer Hinterbänkler. Seine jetzige Rolle spielt er gekonnt herunter:

„Ich versuche nur, die Abgeordneten, die uns aus persönlichen Eifersüchteleien heraus verlassen haben, wieder nachhause zu bringen und Berlusconi so die Stimmen zu sichern, mit denen er auch ins Amt gewählt wurde.“

Dass es bei dem Bruch zwischen Regierungschef Berlusconi und Parlamentspräsident Fini auch um Inhalte ging, kehren die Berlusconi-Anhänger gerne unter den Tisch. Stattdessen heben sie die Auseinandersetzung auf die persönliche Ebene und bezeichnen Fini und seine Gruppe sogar als „Verräter“.

„Verrat ist ein Konzept, das es in kriminellen Vereinigungen oder totalitären Systemen gibt, aber nicht in einer Demokratie“, sagt der Soziologe Nando dalla Chiesa. Doch die Rechnung scheint aufzugehen, das Wort „Verrat“ hat es aus Berlusconis Fernsehsendern in die Wohnzimmer der Italiener geschafft. Es ist in aller Munde, bei den politischen Diskussionen in Geschäften und Cafes, im Zug und auf der Straße.

Silvio Berlusconi hat immer noch starken Rückhalt in der Bevölkerung. Das liegt zum einen an seiner Fähigkeit, sich als starker Mann zu präsentieren, der von den anderen Regierungsmitgliedern an der Umsetzung seiner Versprechen gehindert wird und zum anderen an der Schwäche der Opposition. Für viele Italiener gibt es keine Alternative zu Berlusconi und  die Schuld an der schlechten Wirtschaftslage Italiens geben sie nicht ihm, sondern der weltweiten Krise. Um diese Dinge wissen auch die Anhänger von Gianfranco Fini. Und einige handeln entsprechend. Amedeo Laboccetta ist bereits in die Arme von Silvio Berlusconi zurückgekehrt und er ist nicht der einzige: „Diese Entscheidung von Fini war verfrüht und nicht sehr geschickt. Seine Leute sind doch dabei, politisch Selbstmord zu begehen. Mit denen kann ich keinen gemeinsamen politischen Weg gehen.“

Wie viele Anhänger Finis ähnlich denken und doch noch für Berlusconi stimmen werden, kann niemand sagen. Aber es wird knapp. Ich persönlich tippe auf ein Ja für Berlusconi. Er kauft sich einfach die Stimmen zusammen, Geld spielt keine Rolle. Mithelfen werden all die Abgeordneten, die sich von der Aussicht auf sichere Listenplätze, politische Ämter oder gar Beraterverträge ab 100.000 Euro aufwärts „umstimmen“ oder –nennen wir die Dinge beim Namen- korrumpieren lassen.

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Trotz allem Berlusconi: wieso ihm so viele Italiener immer noch die Stange halten

Die häufigste Frage, die mir als Journalistin in Italien, von Redaktionen in Deutschland derzeit gestellt wird, ist natürlich: würden die Italiener Berlusconi heute wieder wählen? Die zweite: Warum??????????

Ja, warum? Das versteht nur, wer die Probe macht und in irgendeiner lombardischen Kleinstadt in den Bars, Geschäften, Metzgereien und beim Friseur nachfragt. Ich empfehle allerdings ein gesundes Nervenkostüm (oder vielleicht einen doppelten Grappa), die Ergebnisse sind erschütternd.

So zeigt sich die Einzelhandelskauffrau Olga V. enttäuscht über Gianfranco Fini: „Wir haben diese Regierung gewählt, damit sie bis zum Ende der Legislatur etwas für dieses Land tut. Nun hat Fini alles kaputt gemacht. Berlusconi tut gut daran, nicht zurückzutreten.“

Gianfranco Fini gefällt sich in der Rolle des Hüters der Verfassung und des Retters der Demokratie. Seit Monaten kritisiert er Silvio Berlusconis maßgeschneiderte Gesetze, die ihn vor Strafverfolgung schützen. Viele hat er leider mit getragen, doch nun will Fini mit moralischer Integrität punkten. Bei den Wählern des moderat rechten Spektrums kommt das jedoch einem Verrat an Berlusconi gleich. Dass gegen Berlusconi Strafprozesse wegen Steuerhinterziehung und Bestechung laufen, und er sich diesen durch ein Immunitätsgesetz entzieht, regt fast niemanden mehr auf.

“In der Politik machen doch alle Gesetze, die ihnen oder ihrer Klientel nützen. Wichtig ist, dass sie allen Vorteile bringen“, sagt Metzgermeister Anselmo. Er würde heute wieder Berlusconi wählen: „Er ist ein Unternehmer und weiß, dass die Steuerlast zu hoch ist“.

Gesenkt hat Silvio Berlusconi die Steuern entgegen seiner Versprechungen jedoch nur für die Reichen. Der Arbeiterklasse und dem Mittelstand hat er nur vereinzelte, kleine Wahlgeschenke gemacht wie die Abschaffung der Steuer auf Eigenheime. In der Wahrnehmung seiner Wähler trägt er aber nicht die Schuld für die desolate wirtschaftliche Lage, in der sich Italien befindet.  „Die Linksregierung hat uns ruiniert, da braucht es, Zeit, uns aus der Krise herauszuholen“ glaubt die Verkäuferin Grazia P.

Die kurze Episode einer von Romano Prodi geführten Regierung hat sich im Kopf vieler Italiener als Grund für die andauernde schlechte wirtschaftliche Situation des Landes festgesetzt. Ein Trugbild, denn in den anderthalb Jahren, in denen Berlusconi auf der Oppositionsbank saß,  hat Italien die Neuverschuldung zurückgefahren und sich international eine gewisse Glaubwürdigkeit zurück erkämpft. Umsonst, wie der Meinungsforscher Renato Mannheimer in Umfragen festgestellt hat: „Dem Großteil der Bevölkerung ist das Bild Italiens im Ausland egal. Das interessiert nur die, die viel reisen, die im Ausland herumkommen, aber das ist eine Minderheit.“

Die Menschen haben eben andere Sorgen. „Die Frage der Arbeitsplätze, der Gehälter und der Steuern bewegt die Gemüter der Leute. In den Umfragen sprechen die Italiener als erstes von der Sorge um die Arbeit“ so der Meinungsforscher.

Dass es die drei Regierungen Berlusconi waren, die das Arbeitsrecht lockerten und mit ihrer Politik die höheren Einkommensschichten bevorzugten wollen viele der Betroffenen nicht wahrhaben. Sie machen auch die allgemeine Wirtschaftskrise für die italienische Misere verantwortlich und glauben damit das, was ihnen die Berlusconi-Sender vorgaukeln. Unerschütterlich halten sie an ihrem Idol fest. Daran ändern auch seine zweite Scheidung und seine Sexskandale mit Minderjährigen und Prostituierten nichts.

Und vielleicht erlebt sein Herausforderer aus der Regierungskoalition Gianfranco Fini beim Misstrauensvotum im Parlament am 14. Dezember 2010 noch eine Überraschung. Derzeit versuchen Berlusconis Leute mit dem Anbieten von Posten und Ämtern, möglichst viele „Abtrünnige“ zurückzuholen. Das Parlament hat sich in einen Jahrmarkt verwandelt.

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Risse im Berlusconi-Lager

Der Konservative Gianfranco Fini, Parlamentspräsident und wichtigster Verbündeter von Silvio Berlusconi, droht, eine eigene autonome Gruppe im Parlament gründen. Der autoritäre Führungsstil des Mister B. bereitet ihm Bauchschmerzen, doch bisher hat er bei Zoff im Regierungslager dann doch immer gekuscht. Doch nehmen wir an, er mache seine Drohung wahr und reiße das Bündnis auseinander. Das wäre ein Anfang. Der Anfang vom Ende? Klar, fragt sich nur von wem. Berlusconi wird seine Medien auf Fini hetzen. Die werden ihn ausspionieren, ihn beschatten und verleumden. Er wisse, was auf ihn zukomme, sagte Fini in einem Zeitungsinterview.

Gianfranco Fini, Parlamentspraesident

Parlamentspraesident Gianfranco Fini

Als Gianfranco Fini am 29. März 2009 den Zusammenschluss seiner nationalkonservativen Partei „Alleanza nazionale“ (Nachfolgepartei der faschistischen MSI, von deren Vergangenheit sich Fini jedoch inzwischen distanziert) mit Silvio Berlusconis „Forza Italia“ feierte, war vielen seiner Weggefährten eher zum Heulen als zum Lachen zu Mute. Sie fürchteten um ihre Identität, ihren Einfluss, ihre Wählerstimmen. Vorsitzender der neuen Partei „Volk der Freiheit“ wurde Silvio Berlusconi, per Akklamation. Gianfranco Fini hatte nicht einmal versucht, Anspruch auf dieses Amt zu erheben.

Dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, randlose Brille – Gianfranco Fini kleidet sich dezent. Seitdem er Parlamentspräsident ist, gibt er sich betont staatsmännisch. Er ist auch einer der ganz wenigen Politiker aus dem Berlusconilager, die  in Talkshows nicht brüllen. Die lauten Töne hat der ehemalige Chef der post-faschistischen Partei MSI, die sich unter seiner Führung in „Alleanza nazionale“ umbenannte, hinter sich gelassen. Heute pflegt er freundschaftliche Beziehungen zur israelischen Regierung, betont seine demokratische Gesinnung und fällt seinem Verbündeten Silvio Berlusconi immer wieder in den Rücken. „Das ist nicht mit der italienischen Verfassung vereinbar“ sagte er beispielsweise, als Silvio Berlusconi vom Parlament mehr Effizienz verlangte und anregte, über Gesetze künftig nur noch die Fraktionsführer abstimmen zu lassen und nicht jeden einzelnen Abgeordneten.  Ein feines Lächeln umspielte dabei das Gesicht von Gianfranco Fini. So als freute es ihn, dass sich  Berlusconi mit seiner Antipathie gegenüber demokratischen Prozessen selbst ins Aus manövrierte. Allerdings wie so oft ohne Konsequenzen. Berlusconi regiert, die anderen machen mit. Wohl oder übel.

Doch hinter den Kulissen tut sich endlich etwas. Und Gianfranco Fini ist der Strippenzieher. Neulich hob er seine Bewegung „Generation Italien“ aus der Taufe, als innerparteiliches Gegenstück zu Silvio Berlusconis „Förderern der Freiheit“, Politikern, die sich zu einer Art peer group des Premierministers zusammengeschlossen haben. „Generation Italien“ soll künftig einen Beitrag zur Erneuerung der Demokratie in Italien leisten, sagte Fini und das klingt für meine Ohren wie eine Drohung in Richtung Berlusconi. Sollte das neue konservative think tank in Wahrheit als Sammelbecken für all diejenigen in der Regierungspartei „Volk der Freiheit“ dienen, die an Berlusconis Stuhl sägen wollen?

„So überflüssig wie eine Gewerkschaft für Chauffeure, die sich fahren lassen“ schnaubte Berlusconis Hauszeitung „Il Giornale“ während die linksliberale „Repubblica“ über die Beitrittskandidaten der neuen Bewegung spekulierte. Die Risse in der Partei kommen für Silvio Berlusconi denkbar ungelegen. Die Staatsanwaltschaft im süditalienischen Trani ermittelt gegen ihn, weil er versucht haben soll, eine regierungskritische Talkshow im staatlichen Fernsehen RAI abzusetzen. Die Ermittler waren Kreditkartenbetrügern auf der Spur, als sie bei abgehörten Telefongesprächen auch auf Telefonate zwischen Berlusconi und dem Leiter der Kommunikationsbehörde AGCOM Giancarlo Innocenzi stießen. Silvio Berlusconi wies die Vorwürfe zurück und beschwerte sich, ohne sein Wissen abgehört worden zu sein. Wie kann man auch? Schließlich ist Mister B. doch der Sonnenkönig im Land, wo die Zitronen blühn.

Die spannende Frage ist aber: wird ein konservativer Ex-Faschist Italien aus den Faengen des Mister B. retten und zurueck zur Demokratie fuehren? Das waere echte Wiedergutmachung. Wer von Euch glaubt es?

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Wahlgewinnerin Lega Nord

Die Regionalwahl in Italien war ein wichtigster Stimmungstest für Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Die Regierungskoalition wurde zwar abgestraft, zulegen konnte allerdings die rechtspopulistische Lega Nord.

Die Lega holt Stimmen, weil sie in ihren Gebieten stark verwurzelt ist, sagt Piero Fassino von der moderat linken Oppositionspartei Partito Democratico.

„Die Lega leistet gute Arbeit, ihre Parteiaktivisten werden nicht müde, sich der einzelnen Wähler anzunehmen“ kommentiert Vittorio Feltri, Direktor des Berlusconi-Blattes „Il Giornale“.

Über die Hetze der Lega Nord gegen Einwanderer aus Armutsländern verlieren weder er noch Piero Fassino ein Wort. Dabei ist der scharfe Kurs gegen die Immigranten einer der Gründe für den Erfolg, analysiert der Parteienforscher Roberto Biorcio von der Mailänder Universität Bicocca.

“ Die italienischen Nettolöhne gehören aktuellen Statistiken zufolge zu den niedrigsten in Europa und die Lebensbedingungen der Italiener verschlechtern sich in der gegenwärtigen Krise. Die Regierung hat die Angst der Menschen in eine bestimmte Richtung gelenkt. Nach außen, auf einen Sündenbock. Aus unseren Untersuchungen geht hervor, dass ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft inzwischen eine ausländerfeindliche Haltung eingenommen hat.“

„Wir müssen böser werden,“ beschrieb Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord kurz nach seiner Amtseinführung den künftigen Kurs und er hat Wort gehalten. Inzwischen ist der Aufenthalt in Italien ohne gültige Papiere eine Straftat und Ärzte, die Illegale behandeln, sind aufgerufen, die Personalien ihrer Patienten an die Polizei weiterzugeben.

Darüber scheinen viele Wähler zu vergessen, dass die Lega Nord mit Unterbrechungen seit mehr als zehn Jahren in der Regierung sitzt und für das von ihr beschworene Einwanderungsproblem zumindest teilweise selbst die Verantwortung trägt. Sie war es, die das Immigrationsgesetz maßgeblich entwickelt hat.

„Der Lega gelinge es, die Schuld an der aktuellen Situation Berlusconi in die Schuhe zu schieben und als der Koalitionspartner zu erscheinen, der den Norden retten will,“ erklärt Biorcio. So schaffe sie es, auch in traditionell eher linke Wählerkreise vorzudringen.

„Die Lega hat es geschafft, bei den Arbeitern zu punkten, indem sie die Karte der lokalen Identität ausgespielt hat und sich als die Interessenvertreterin der lokalen Bevölkerung präsentiert. Sie hat damit Werte ersetzt, mit denen sich diese Menschen früher identifizierten und eine Trennlinie gezogen, die die Arbeiter nicht mehr gegen den Patron, den Arbeitgeber abgrenzen, sondern gegen andere Ethnien.“

Hinzu kommt, dass die linken Parteien in Italiens Nordosten traditionell weniger verwurzelt sind. Sie schaffen es nicht, aus der Wirtschaftskrise politischen Profit zu ziehen, weil sie ideologisch zu weit entfernt von der konservativen Grundausrichtung der Mehrheit sind. So gesellen sich zu den überzeugten Stammwählern der Lega Nord auch viele, die ihre Stimme mangels Alternative der Lega Nord geben. Beispielsweise Guido Pastin. Der freiberufliche Elektriker macht sich keine großen Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Verbesserung.

„Es sieht schlecht aus, der Handlungsspielraum ist gering und wir riskieren hier, in eine unhaltbare Situation abzugleiten.“

Venetien, einst Italiens Vorzeigemodell in Sachen Wirtschaftswunder, droht, zu einer Billiglohnregion zu verkommen. Besonders betroffen ist der Textilsektor. Schon vor der Krise zwang die asiatische Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu massiver Kostenreduzierung. Doch jetzt hat sich das Problem noch verschärft. Schwarzarbeiter aus China, Indien und Bangladesh nähen in versteckten, illegalen Werkstätten die Nächte durch. „Kein Wunder, dass unsere Leute zunehmend aggressiver gegenüber den Einwanderern werden,“ sagt Roberto Boschetto, Präsident der Handwerkerinnung in Padua. Der Wahlerfolg der Lega Nord sei nichts anderes als die logische Folge eines sich verschärfenden Konkurrenzkampfes um Arbeitsplätze.

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Geldwäsche für die Ndrangheta

Skandale hat Italien eigentlich schon genug. Silvio Berlusconi ist Dauerbrenner auf der Anklagebank, muss sich jetzt noch wegen Betrugs beim Erwerb von Filmrechten vor Gericht verantworten. Gegen den Chef des Katastrophenschutzes wird wegen Korruption ermittelt und nun noch dieser spektakuläre Finanzskandal!

Es geht um Steuerhinterziehung in dreistelliger Millionenhöhe und –noch schlimmer- um Geldwäsche. Das börsennotierte Unternehmen Fastweb, das mit Breitband-Internetverbindungen und Telefondienstleistungen einen Jahresumsatz von fast zwei Milliarden Euro erzielt, und eine Tochterfirma der italienischen Telecom sollen im Auftrag der organisierten Kriminalität Schwarzgeld gewaschen haben. Das Geld illegalen Ursprungs soll von einer britischen Gesellschaft nach Italien und wieder zurück nach Großbritannien geflossen sein, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.  Bis jetzt ergingen 56 Haftbefehle, darunter auch gegen einen Abgeordneten des italienischen Senats: Nicola di Girolamo. Er soll der Mittelsmann zwischen Finanzwelt und Mafia sein.

„Die Ndrangheta sitzt im Parlament“ so hat es ein Ermittler formuliert und so haben es die italienischen Zeitungen geschrieben. Und neben den Artikel ein Foto gesetzt, dass Nicola di Girolamo Arm in Arm mit einem Boss der Mafiaorganisation Ndrangheta zeigt. Die Beweise gegen den Politiker sind erdrückend. Besonders die abgehörten Telefongespräche mit Gennaro Mokbel, einem Unternehmer, der für seine Verbindungen zur extremen Rechten und zur Organisierten Kriminalität bekannt ist, haben ihn untragbar gemacht für seine Partei „Volk der Freiheit“ von Silvio Berlusconi. Mokbel warnte den frisch ins Amt gewählten Senator Di Girolamo am Telefon mit folgenden Worten: „Erinnere dich daran: du bist uns zu Diensten, du bist und bleibst mein Sklave, selbst wenn du Staatspräsident werden solltest.“

Di Girolamo ist erst seit zwei Jahren Abgeordneter im Senat. Er hatte im Auslandswahlkreis „Europa“ kandidiert, um die Interessen der in die verschiedenen europäischen Länder emigrierten Italiener zu vertreten. Die Möglichkeit für Italiener, die ihren Wohnsitz im Ausland haben, eigene Vertreter ins italienische Parlament zu schicken, war erst durch eine Wahlgesetzänderung möglich geworden.

Die aktuellen Vorwürfe, die Wahl von Nicola di Girolamo sei durch Ndranghetamitglieder gesteuert worden, die in Stuttgart und anderen deutschen Städten Wahlzettel von den dort lebenden Italienern eingesammelt und dann nach ihren Wünschen ausgefüllt hätten, werden derzeit geprüft. Für die Ermittler ist klar, dass Di Girolamo als Kandidat von der Ndranghetafamilie Arena ausgewählt wurde und – so sagte Staatsanwalt Giancarlo Capaldo der Presse „als Mitglied der Ndrangheta für Finanzoperationen zuständig war“. Hier kommen das italienischen Telekommunikationsunternehmen „Fastweb“ und eine Tochterfirma der Telecom ins Spiel. Der Fastwebgründer und Ex-Chef Silvio Scaglia sowie eine Reihe von Managern werden beschuldigt, mit fiktiven Käufen und Verkäufen von Telekommunikationsdienstleistungen zwischen 2003 und 2006 knapp zwei Milliarden Euro der Ndrangheta gewaschen zu haben. Nach einem Bericht der italienischen Wirtschaftszeitung „Il sole 24 ore“ haben die Mafia-Gesellschaften durch die falschen Rechnungen den Managern geholfen, ihre Umsatzziele zu erreichen.

Die meisten der Beschäftigten sind von den Ermittlungen überrascht worden und zeigen sich schockiert. „Wir, die wir für Fastweb arbeiten, haben immer mit nationalen Kunden zu tun gehabt. Die Staatsanwaltschaft spricht von internationalen Transaktionen, davon habe weder ich noch meine Kollegen etwas mitbekommen,“ sagt dieser Mitarbeiter beim Verlassen der Konzernzentrale in Mailand. Auch die in Untersuchungshaft genommenen Topmanager haben angeblich von nichts gewusst. Sie streiten die Vorwürfe jedoch nicht ab. Silvio Scaglia, der seine Anteile an Fastweb vor drei Jahren an die Swisscom verkaufte und so zum Multimillionär wurde, wird von der Staatsanwaltschaft verhört.

Der Politiker Nicola di Girolamo ist zurückgetreten und muss nun ebenfalls der Staatsanwalt Rede und Antwort stehen. Für die Opposition ist der Fall Di Girolamo der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Skandalen um Verbindungen zwischen Politikern der Regierungspartei Volk der Freiheit und der Organisierten Kriminalität. So stehen auf den Kandidatenlisten für die demnächst anstehenden Regionalwahlen in Italien auch die Namen von Politikern, die bereits erstinstanzlich wegen Begünstigung der Mafia verurteilt wurden oder gegen die ermittelt wird. Italien befindet sich in einer rasanten Abwärtsspirale. Wie weit runter geht es noch?

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Tanz ums goldene Kalb

Giorgio Bocca, Jahrgang 1920, Journalist und Schriftsteller, hat sein neues Buch ueber Italien veroeffentlicht und ist von Marco Travaglio interviewt worden. Hier ein kurzer, praegnanter Auszug auf deutsch uebersetzt:

Travaglio:
Giorgio Bocca, Sie haben Ihr Buch “Annus Horribilis” genannt und beziehen sich auf 2009. 2010 könnte noch schrecklicher werden…

Bocca:
Wir werden sehen. 2009 erschien mir deshalb als besonders schrecklich, weil es ganz klar in Richtung einer Demokratie mit autoritaeren Zuegen ging. Je unglaublicher die Dinge waren, die Berlusconi sich geleistet hat, desto besser waren seine Ergebnisse in den Meinungsumfragen. Vielleicht beginnen die Leute sich jetzt allmählich zu besinnen.

Travaglio:
Es gibt also Hoffnung?

Bocca:
Übertreiben wir mal nicht. Es gibt einen kleinen Funken Hoffnung. So wie zu Beginn des Partisanenkrieges, aber damals war ich jung, stark und hatte Vertrauen in die Zukunft. Heute bin ich alt und gebrechlich. Da ist es schwerer, optimistisch zu sein. Die Blindheit der Italiener erinnert mich an Deutschland bei der Machtuebernahme durch Hitler. Es war für alle klar erkennbar, was für ein Mann Hitler war, und doch sind sie ihm zu Füssen gesunken, die Deutschen und auch die Europäer.

Travaglio: Was macht Ihnen am meisten Angst?

Bocca: Diese Wand aus Gummi. Es passieren schreckliche Dinge oder schrecklich lächerliche Dinge und niemand reagiert. Du kannst noch so oft Alarm schlagen und provozierende Fragen stellen, es antwortet einfach niemand.
(…) Die Öffentlichkeit bleibt stumm, dabei gäbe es genug Gründe für einen Aufschrei. Die Korruption kostet uns jedes Jahr Milliarden und (…) in den weltweiten Vergleichen zu Indikatoren, die mit der Zivilgesellschaft zu tun haben, fallen wir immer weiter zurück, hinter viele Länder der Dritten Welt. Aber das ist den meisten egal, es kann alles so weitergehen. (…) Vielleicht werden die Italiener Berlusconi irgendwann leid sein, aber die Moral ist am Boden. Es ist wie in der Bibel: Moses steigt vom Sinai hinab mit den zehn Geboten und findet das jüdische Volk beim Tanz um das Goldene Kalb vor. Wir haben das noch übertroffen.

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