Archiv der Kategorie: Hintergrund

Kein Verstaendnis fuer Deutschland

Gastrede beim Rotary Club Vimercate Brianza Est, zwischen Mailand und Bergamo. Klingt nach Provinz, ist es auch, aber eine der produktivsten und reichsten Provinzen Europas. Mit ein bisschen guten Willen kann man die Gegend auch das Silicon Valley Italiens nennen.Standort von IBM und Knorr (heisst hier Star) und von vielen Mittelstandsunternehmen im Informatiksektor. So auch von eagisco des freundlichen Dottor Brambilla, der das Verstaendnis zwischen Italien und Deutschland in der Eurokrise vertiefen will und mich deswegen eingeladen hatte. Wie noetig solche Begegnungen sind, ist mir am Abend selbst klar geworden. Deutschland ist dabei, die Sympathie und den Respekt, den es sich dank seines Engagements fuer Europa von der Nachkriegszeit bis heute erarbeitet hat, gnadenlos zu verspielen. Die Unternehmer, die sich geduldig und interessiert meine Analyse der deutschen Position in der Eurokrise anhoerten, waren danach sehr enttaeuscht. Deutschland handle egoistisch, kleingeistig, kurzsichtig und anti-europaeisch. Statt sich gegen Eurobonds zu stellen, muesse es solidarisch mit den Partnern sein und alle gemeinsam aus der Krise fuehren. Mir fallen zwei Dinge dazu ein. Erstens habe ich leichte Vorbehalte gegen die Idee, Deutschland koenne Europa oder gleich die ganze Welt retten (so komplexbeladen und historisch vorbelastet wie wir sind wuerde ich gerne bei mehr Bescheidenheit bleiben) und zweitens waren es doch gerade die produktiven Kreise des Nordostens Italiens, die von Solidaritaet mit dem Rest ihres Landes nichts wissen wollten und sich gerne vom „Sueden, der nur Geld verschlingt“ abgetrennt haetten. Konflikte zwischen Nord und Sued scheinen sich von Italien auf Europa ausgedehnt zu haben und die Antworten bleiben die gleichen. Kommen wir so aus dem Schlamassel raus??

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Erfolgschancen der neuen Regierung

Hut ab, Herr Monti! Sie haben sich einen schönen Schlamassel aufgehalst, aber als EU-Kommissar hatten Sie ja auch kein Leben in der Hängematte. Als „Supermario“ sollen Sie nun Italien aus dem Schuldensumpf ziehen – ohne einen einzigen Politiker in der Regierungsmannschaft. Das ist ein starkes Stück. Wo sind denn jetzt all die Oppositions-DiPietros und Bersanis, die 17 Jahre lang gegen Silvio Berlusconi gewettert haben? Auf Tauchstation. Mit unpopulären Reformen wollen sie nichts zu tun haben, die könnten ja die Wählerklientel verärgern. „Das war der Mario, der Mario“ werden sie dann feixend sagen, wenn es den kleinen Leuten ans Portemonnaie geht und die Volksseele kocht. Feige ist das, feige und verlogen. Denn natürlich reden sie sich damit heraus, dass die Abgeordneten von Berlusconis Gnaden niemals einer Regierung ihr Vertrauen aussprechen, in der Oppositionspolitiker mitmischen. Quatsch. Monti hätte das gedeichselt – indem er aus beiden politischen Lagern Leute ins Regierungsboot geholt hätte. Aber auch Berlusconis bezahlte Applaustruppe, also die Parlamentarier aus seiner Partei „Volk der Freiheit“, lassen das Schiff Italien lieber sinken als selbst mitanzupacken. „No grazie“ haben die Volksvertreter gesagt, ein Trauerspiel, die Kapitulation der Politik. Jetzt kommen die Banker, schreiben linke Zeitungen und empören sich über die fehlende demokratische Legitimation der neuen Regierung. Schon wahr, gewählt hat die keiner. Aber nehmen wir an, es gäbe morgen einen Volksentscheid über Montis Regierungsmannschaft. Was käme dabei heraus?

„Gente per bene“, anständige Leute, nennt der Postbote die Mitglieder der neuen Regierung, die Mario Monti in Rekordzeit zusammengestellt hat. „Die kennen sich aus, die wissen, was für Italien jetzt auf dem Spiel steht“ sagt die Besitzerin des Zeitungskiosk, die mich täglich mit Lesestoff versorgt. Und eine  kurze, keineswegs repräsentative, Umfrage in der Espressobar, in der ich morgens frühstücke, ergibt: 10 zu 2 für Monti. Die beiden Monti-Gegner sind ideologische Hitzköpfe, die vom Fall der Berliner Mauer nicht viel mitbekommen haben. Der eine wünscht sich Berlusconi zurück, weil nur der angeblich die Kommunisten fernhalte, der andere wünscht sich die Kommunisten an die Macht, damit sie das perfide Komplott der internationalen Finanzwelt gegen Italien aufdecken. Fazit: wer gesunden Menschenverstand hat, ist froh, dass Monti und seine Expertentruppe nun versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Werden sie es schaffen? Sie sind auf internationalem Parkett keine Lachnummern wie die Kasperletruppe, die früher aus Rom anreiste und das Blaue vom Himmel versprach. Das wird für eine Atempause auf den Finanzmärkten sorgten. Aber dann braucht es „Fakten, Fakten, Fakten“ und das Parlament muss all die unangenehmen Reformen zur Rettung des Staatshaushaltes absegnen. Italiens größte Gewerkschaft wird auf die Barrikaden gehen, Berlusconis Unverbesserliche werden ebenfalls auf die Regierung einschlagen, und die Leute in meiner Espressobar werden sich fassungslos fragen, wo sie eigentlich leben. In Italien, dem Land des ganz normalen Wahnsinns. Bloß kann sich den heute leider niemand mehr leisten

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Ich bin wieder da

Acht Monate Funkstille sind genug. Und das in diesen Zeiten! Wo so viel spannendes, drammatisches, tragisches  passiert in Italien. Aber genau das hat mich voruebergehend zur Schweigebloggerin gemacht. Ich habe im Radio berichtet, rauf und runter, und dann keine Worte mehr gehabt. Als ich zu bloggen begann, tat ich es, weil es mir unglaublich erschien, das sich das europäische Parlament, die europäischen Staatschefs, die Politiker in Deutschland, gar nicht drum scheren, was in Italien ablaeuft. Seit Jahren, Tag fuer Tag. Demolierung der Demokratie, Selbstbereicherung und Auspluenderung der staatlichen Kassen durch die politische Klasse, Korruption, Geschenke an die Mafia etc. etc. Tja, jetzt schauen sie nach Italien, beschaeftigen sich wohl oder uebel mit der italienischen Misere,  weil ihnen sonst der Euro um die Ohren fliegt. Bancarotta con il botto, hat meine Lieblingszeitung Il fatto quotidiano so treffend geschrieben, also Bankrott mit Knalleffekt. Wer zieht jetzt den Karren aus dem Dreck? Supermario alias Mario Monti? Wie reagieren die Gewerkschaften auf knallharte soziale Einschnitte und weniger Kuendigungsschutz? Wie verhalten sich die italienischen Unternehmer? Welche Konsequenzen erleben die Italiener in ihrem Alltag? All diesen Fragen gehe ich in der naechsten Woche nach. Mit einer taeglichen Reportage auf den drei Wellen des DeutschlandRadio, ich freu mich drauf!

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150 Jahre Italien

Vor 150 Jahren entstand das Koenigreich von Italien. Der Papst hatte seinen Machtanspruch zwar noch nicht abgetreten, aber das war ja nicht das einzige Manko, mit dem der neue Nationalstaat startete. „Wir haben Italien gemacht, jetzt muessen wir noch die Italiener machen“ – dieser beruehmte Satz des risorgimento gilt im Grunde immer noch. Und der Soziologe Francesco Alberoni ist gar überzeugt, dass Italien mehr auseinander- als zueinander strebt. „Es wird sich aufloesen, in einem Krieg aller gegen alle“, sagte er mir ins Mikrophon und die Gelassenheit in seiner Stimme schreibe ich seinem hohen Alter zu. Wann fuehlen sich die Italiener als eine Nation? Wenn die Nationalmannschaft spielt, ist die erste Antwort, die mir in den Sinn kommt. Auf weitere Antworten bin ich gespannt.

Und wer mehr zum geschichtlichen Ablauf vor 150 Jahren wissen will, kann sich mein WDR Zeitzeichen hier anhoeren. Buon compleanno, Italia!

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Der Cavaliere und das Mädchen

so der Titel, den der Tagesspiegel meiner Zusammenfassung zu Rubygate gegeben hat.

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Jede Stimme zählt: Berlusconi, König der Feilscher

Silvio Berlusconi steht eine Kraftprobe bevor. Über seinem Kopf hängt das Damoklesschwert des Misstrauensvotums am 14. Dezember. Der ehemalige Koalitionspartner Gianfranco Fini lehnt eine Regierung mit Berlusconi an der Spitze ab und hat deshalb im Sommer mit einer Gruppe von Abgeordneten Berlusconis Partei „Volk der Freiheit“ verlassen. Wenn diese Gruppe am 14. Dezember mit der Opposition gegen Berlusconi stimmt, verliert der Ministerpräsident seine Mehrheit im Parlament.  Das will er mit allen Mitteln verhindern. Und so versuchen seine Getreuen, so viele Abgeordnete wie möglich  auf seine Seite zu ziehen. Mit allen Mitteln? Jawohl! „Campagna acquisti“ nennen es die italienischen Medien. Der Ausdruck stammt aus der Welt des Fußballs und bedeutet so viel wie „das große Kaufen“,  und überträgt man den Begriff vom Platz ins Parlament, dann ist der größte Verein auf dem Feld Berlusconis Partei „Volk der Freiheit“ und die braucht dringend Spieler. Spieler, die am 14. Dezember für die Regierungsmannschaft stimmen, insbesondere für den Kapitän.

Und Silvio Berlusconi hat sogar eine Art Headhunter eingesetzt, der so viele Ja-Stimmen wie möglich für die Vertrauensfrage am 14. Dezember  einsammeln soll. Der Abgeordnete heißt Mario Pepe und ist ein typischer Hinterbänkler. Seine jetzige Rolle spielt er gekonnt herunter:

„Ich versuche nur, die Abgeordneten, die uns aus persönlichen Eifersüchteleien heraus verlassen haben, wieder nachhause zu bringen und Berlusconi so die Stimmen zu sichern, mit denen er auch ins Amt gewählt wurde.“

Dass es bei dem Bruch zwischen Regierungschef Berlusconi und Parlamentspräsident Fini auch um Inhalte ging, kehren die Berlusconi-Anhänger gerne unter den Tisch. Stattdessen heben sie die Auseinandersetzung auf die persönliche Ebene und bezeichnen Fini und seine Gruppe sogar als „Verräter“.

„Verrat ist ein Konzept, das es in kriminellen Vereinigungen oder totalitären Systemen gibt, aber nicht in einer Demokratie“, sagt der Soziologe Nando dalla Chiesa. Doch die Rechnung scheint aufzugehen, das Wort „Verrat“ hat es aus Berlusconis Fernsehsendern in die Wohnzimmer der Italiener geschafft. Es ist in aller Munde, bei den politischen Diskussionen in Geschäften und Cafes, im Zug und auf der Straße.

Silvio Berlusconi hat immer noch starken Rückhalt in der Bevölkerung. Das liegt zum einen an seiner Fähigkeit, sich als starker Mann zu präsentieren, der von den anderen Regierungsmitgliedern an der Umsetzung seiner Versprechen gehindert wird und zum anderen an der Schwäche der Opposition. Für viele Italiener gibt es keine Alternative zu Berlusconi und  die Schuld an der schlechten Wirtschaftslage Italiens geben sie nicht ihm, sondern der weltweiten Krise. Um diese Dinge wissen auch die Anhänger von Gianfranco Fini. Und einige handeln entsprechend. Amedeo Laboccetta ist bereits in die Arme von Silvio Berlusconi zurückgekehrt und er ist nicht der einzige: „Diese Entscheidung von Fini war verfrüht und nicht sehr geschickt. Seine Leute sind doch dabei, politisch Selbstmord zu begehen. Mit denen kann ich keinen gemeinsamen politischen Weg gehen.“

Wie viele Anhänger Finis ähnlich denken und doch noch für Berlusconi stimmen werden, kann niemand sagen. Aber es wird knapp. Ich persönlich tippe auf ein Ja für Berlusconi. Er kauft sich einfach die Stimmen zusammen, Geld spielt keine Rolle. Mithelfen werden all die Abgeordneten, die sich von der Aussicht auf sichere Listenplätze, politische Ämter oder gar Beraterverträge ab 100.000 Euro aufwärts „umstimmen“ oder –nennen wir die Dinge beim Namen- korrumpieren lassen.

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Nando dalla Chiesa schreibt ueber Mafia und Politik

Heute erscheint ein neues Buch von Nando dalla Chiesa, Soziologe, engagierter Anti-Mafia-Politiker und Sohn des ermordeten Generals Carlo Alberto dalla Chiesa.

Mein schwerstes“ sagt er. Warum? „Weil es niemandem gefallen wird“. Nando dalla Chiesa beschreibt in „La Convergenza“ die Transformationen der Verbindungen zwischen Mafia und Politik. Als Konstante der Zweiten Republik macht er die sich überkreuzenden Interessen aus, die  Mafia und Staat immer wieder zusammenführen. Und er spricht über die Mafiaorganisationen in Norditalien, wo die Ndrangheta das Kommando hat.

Vorgestellt hat er es gestern bei uns Auslandsjournalisten in Mailand. „Ihr habt mehr Interesse an Hintergrund als die meisten italienischen Journalisten“ begründete er diesen Entscheid. Wir haben ihn dann auch zwei Stunden mit Fragen geloechert. Unter anderem zur aktuellen Debatte um die Verbindungen zwischen Lega Nord und Ndrangheta in der Lombardei. Roberto Saviano hat die Lombardei eine von der Mafia verseuchte Region genannt. Innenminister Roberto Maroni (Lega Nord) protestierte. Nando dalla Chiesa legt nach: „Die Lombardei ist ein Problem, ehrlich gesagt ist sie DAS Problem.“

Hier ein Auszug aus meinem Gespraech mit NDchiesa auf italienisch. Hier meine deutsche Übersetzung.

Nando dalla Chiesa beim auslandspresseclub in Mailand

Nando dalla Chiesa beim auslandspresseclub in Mailand

 

 

 

 

 

 

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