Mafia Export

Ich war ein paar Tage verreist. Mit meinen Eltern. Sie reisen gerne und erzählten mir von einem Besuch in Erfurt, und von einem hervorragenden italienischen Restaurant. Bei mir klingelten sofort die Alarmglocken. In Erfurt hat die Ndrangheta nach dem Mauerfall massiv investiert, vorzugsweise in Restaurants.  In Deutschland, speziell im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland, haben sich die verschiedenen Clans, N`drine genannt, bevorzugt niedergelassen. Und als legale Einnahmequelle haben sie fast immer Pizzerien und Restaurants. Seit den Ndrangheta-Morden vor der Pizzeria „Da Bruno“ in Duisburg zirkulieren Informationen über die regen Aktivitäten der italienischen Mafien natürlich auch in der deutschen Öffentlichkeit. Hier ist die Arbeit der Journalistin und Schriftstellerin Petra Reski zu erwähnen, die intensiv recherchiert hat und mutig Fakten und Namen genannt hat, was ihr Drohungen und Klagen einbrachte. Ich empfehle ihr Buch ”Mafia”. Meiner Meinung nach ist die Öffentlichkeit in Deutschland trotzdem noch viel zu wenig informiert.  Mir persönlich ist der Appetit auf Pizza leider vergangen beim Lesen des Buches „Mafia Export“ von Francesco Forgione. Der kalabresische Journalist und Politiker (Rifondazione Comunista) ist als ehemaliger Präsident der Parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission (und Nicht-Mitglied der Regierungsparteien) seit Jahren eine verlässliche Quelle für Informationen über die Ndrangheta. Und auch wenn er in bezug auf Deutschland viele Informationen aus Petra Reskis Buch “Mafia” abgeschrieben zu haben scheint, ist es doch lesenswert. Ich habe einen Auszug aus seinem neusten Buch „Mafia Export“ übersetzt: 

Francesco Forgione: Mafia Export:

„Im Unterschied zu Neapel (…) hat die Pizza in der kulinarischen Tradition Kalabriens keinen Stellenwert. Trotzdem ist in Deutschland die offizielle Haupteinnahmequelle der verschiedenen Clans aus San Luca, direkt oder über Strohmänner, die Pizzeria. Fast alle haben italienische Namen: „Da Bruno“, „La Gioconda“, „Casa Toscana“, „Calabresella“, „Bocconcino“, „La dolce vita“, „Bellini“, „Pacini“, „Il teatro“, „Bacco“, „Michelangelo“, „Italia“, „La stella di Mare“, „Calabrone“, „Osteria del sud“, „Fra Diavolo“, „Isola d`Elba“, „La Troppa“, „Fellini“, „Paganini“, „Borsalino“, „Gazzetta“, „Opera“, „Il violino“. Natürlich gibt es auch eine Pizzeria „San Michele“, der Erzengel ist von den Ndranghetisti zu ihrem Schutzpatron erkoren worden. Diese Pizzeria bildete in Kaarst die operative Basis der Nirta-Strangio-Gruppe, geführt wurde sie von Giovanni Strangio, dem Hauptverantwortlichen für das Blutbad (von Duisburg), der am 13. März 2009 in Amsterdam festgenommen wurde. Die Städte (der Clans) sind über das ganze Bundesgebiet verteilt: Duisburg, Moers, Wesel, Xanten, Kevelaer, Hilden, Bochum, Essen, Dinslaken, Bonn, Karst, München, Leipzig, Erfurt, Bous, Ottobrunn, Weimar, Wildau, Baden-Baden, Dresden, Eisenach. Die meisten Gastronomiebetriebe gehören unmittelbar Mitgliedern des Clans Pelle-Vottari-Romeo oder führen zu ihnen. Nach ihnen kommen die Mitglieder des Clans Nirta-Strangio. Die Pizzerien und Restaurants, in denen fast ausschließlich Clanmitglieder arbeiten, haben verschiedene Funktionen: sie dienen als Versteck für Flüchtige aus Kalabrien, als Umschlagplatz für Drogen und Waffen und als Orte der Geldwäsche. Die Pizzerien und Restaurants, aber auch Zuliefererbetriebe im Gastronomiebereich und Import-Export-Gesellschaften laufen auf die Namen von Brüdern, Schwestern, Schwager und Verwandten von Clanmitgliedern. Die Ermittler schreiben: „(…) Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben wir es auch bei Personen, gegen die kein Strafverfahren vorliegt, mit Familienmitgliedern bekannter Bosse zu tun, die an dem Mafiaunternehmen beteiligt sind. Diese Personen stehen für den legale Zweig der Organisation, der es ihr erlaubt, sich dem Gastland als vorstrafenfrei zu präsentieren, mit all den positiven Folgen, die das für die Organisation zur Folge haben kann.“ (…) Schon im Jahr 2000 schrieben die deutschen Behörden über 120 Bürger aus San Luca, die in Deutschland lebten, dass sie fast alle als Pizzabäcker oder Kellner in Restaurants arbeiteten, die wiederum Leuten aus San Luca gehörten. Was die deutschen Ermittler erstaunte, war die Leichtigkeit, mit der Kellner und Pizzabäcker, die den Steuerbehörden gegenüber Einkommen von circa 1000 Mark monatlich angaben, dieselben Restaurants nach wenigen Monaten für mehrere hunderttausend Mark kauften. In Wahrheit standen einige dieser Restaurants bereits zu Beginn der Neunziger Jahre im Zentrum von Ermittlungen über den internationalen Drogenhandel und das Geld, was dort zirkulierte, wurde nicht mit Pizzen verdient. So hat der Kellner der Pizzeria „L`Opera“ in Essen Paolo Soggiu, bevor er sich entschloss, mit den Justizbehörden zusammenzuarbeiten, Hunderte Kilo Drogen aus Kolumbien in Empfang genommen, um sie dann nach Italien weiterzuleiten. (…) Ein echter Pizzaliebhaber ist auch Domenico Giorgi aus San Luca. Anfang der neunziger Jahre führt er die Pizzeria „Da Bruno“ in Duisburg, die bereits damals als Umschlagplatz für Drogen gilt. 1992 ist Giorgi dort Kellner, er verdient ca. 800 Mark im Monat. Ein Jahr später kauft er das Lokal für 250.000 Mark von Spartaco Pitani, einem Bürger aus der Toskana, der in Erfurt lebt. (…) Giorgi ist einen hohen Lebensstil gewöhnt. Am 21. März 1984 schrieben die Carabinieri: „sein Lebensstil entspricht nicht seinen (finanziellen) Möglichkeiten. Dank seiner angeborenen Schläue und der Erfahrung, die er im kriminellen Umfeld gesammelt hat, konnte er sich der Verantwortung für Straftaten, die auf sein Konto gingen, entziehen. Er hatte regelmäßig Umgang mit vorbestraften und gefährlichen Personen. Er wird verdächtigt, unter den jungen (Aufsteigern) aus San Luca einer der fähigsten zu sein, was Entführungen, Überfälle, Schutzgelderpressung und andere Delikte betrifft.“ (…) 1996 zieht Domenico Giorgi von Duisburg nach Erfurt. (…) Dort trifft er wieder auf Spartaro Pitanti, der ihm das Restaurant in Duisburg verkauft hatte. Aus Liebe zur Oper eröffnen sie zwei Lokale, das Restaurant „Paganini“ und das „Rossini“. Die Lokale sind gut besucht. Als die Polizei im „Paganini“ eine Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit Ermittlungen in einem Mordfall durchführt, befinden sich der damalige Ministerpräsident und der damalige Innenminister von Thüringen Bernhard Vogel und Richard Dewes unter den Gästen. Am 28. Februar 1999, nach nur drei Jahren, schließt das „Paganini“. Aber nicht einmal einen Monat später eröffnet wieder in Erfurt das „Paganini im Gildehaus“. Eine große Sache. Bis zu 700 Gäste finden in den verschiedenen Räumlichkeiten Platz, dazu die Lage am wichtigsten Platz der Stadt. Das Restaurant wird sofort eines der exklusivsten von Erfurt. (…) Um Ärger mit den Behörden zu vermeiden wird der Betrieb auf den Bruder von Domenico Giorgi, Giuseppe, angemeldet. Spartaco Pitanti, der von der deutschen Polizei 1995 festgenommen worden und von einem Gericht in Duisburg wegen illegalen Handels mit Betäubungsmitteln verurteilt worden war, ist in der Stadt ein Mann von Erfolg. Er sponsert den Fußballclub, den exklusivsten Golfclub der Stadt und die Kunstgalerie „Guanaes“. Sie unterhält Verbindungen in die Ukraine, nach Chile und Brasilien und ist Treffpunkt der besseren Gesellschaft (von Erfurt). Zu den Besuchern gehört auch der Ehemann der Galeriebesitzerin, der Direktor der Deutschen Bank von Leipzig. (…)“ (Übersetzung aus „Mafia Export“ von Francesco Forgione)

Üübrigens: das “Paganini”in Erfurt heißt seit November 2009 “Pavarotti im Gildehaus”.

4 Kommentare

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4 Antworten zu Mafia Export

  1. Anzumerken wäre vielleicht noch,dass ein Mord mittels Handgranaten oftmals die Bezeichnung “Pizza Calabrese” trägt.(Quellen sind sich hierbei ziemlich einig).

    Ansonsten interessanter Artikel,jedoch sind bei weitem nicht alle Pizzaläden unter mafiöser Kontrolle! ;)

  2. Meiser

    Jedes 3. ausländische Restaurant in D wird von irgendeiner chinesischen spanischen oder italienischen Mafia erpresst.
    Duisburg ist nur die Spitze des Eisbergs.

  3. genial geplant von der mafia

  4. Pingback: » Blog Archiv » Die MAFIA in Duisburg XXXXII

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