Kein Verstaendnis fuer Deutschland

Gastrede beim Rotary Club Vimercate Brianza Est, zwischen Mailand und Bergamo. Klingt nach Provinz, ist es auch, aber eine der produktivsten und reichsten Provinzen Europas. Mit ein bisschen guten Willen kann man die Gegend auch das Silicon Valley Italiens nennen.Standort von IBM und Knorr (heisst hier Star) und von vielen Mittelstandsunternehmen im Informatiksektor. So auch von eagisco des freundlichen Dottor Brambilla, der das Verstaendnis zwischen Italien und Deutschland in der Eurokrise vertiefen will und mich deswegen eingeladen hatte. Wie noetig solche Begegnungen sind, ist mir am Abend selbst klar geworden. Deutschland ist dabei, die Sympathie und den Respekt, den es sich dank seines Engagements fuer Europa von der Nachkriegszeit bis heute erarbeitet hat, gnadenlos zu verspielen. Die Unternehmer, die sich geduldig und interessiert meine Analyse der deutschen Position in der Eurokrise anhoerten, waren danach sehr enttaeuscht. Deutschland handle egoistisch, kleingeistig, kurzsichtig und anti-europaeisch. Statt sich gegen Eurobonds zu stellen, muesse es solidarisch mit den Partnern sein und alle gemeinsam aus der Krise fuehren. Mir fallen zwei Dinge dazu ein. Erstens habe ich leichte Vorbehalte gegen die Idee, Deutschland koenne Europa oder gleich die ganze Welt retten (so komplexbeladen und historisch vorbelastet wie wir sind wuerde ich gerne bei mehr Bescheidenheit bleiben) und zweitens waren es doch gerade die produktiven Kreise des Nordostens Italiens, die von Solidaritaet mit dem Rest ihres Landes nichts wissen wollten und sich gerne vom “Sueden, der nur Geld verschlingt” abgetrennt haetten. Konflikte zwischen Nord und Sued scheinen sich von Italien auf Europa ausgedehnt zu haben und die Antworten bleiben die gleichen. Kommen wir so aus dem Schlamassel raus??

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Weihnachten mit den Geigen von Cremona

Buon Natale und frohe Festtage an alle Leserinnen und Leser,

mille grazie und danke fuer das Interesse und die Kommentare, die ich in 2011 erhalten habe.

Hoffentlich wird 2012 ein besseres Jahr fuer Italien als 2011.

Mein Beitrag zur weihnachtlichen Stimmung ist eine musikalische Reise nach Cremona, am zweiten Weihnachtstag um 9.30 Uhr.

 

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Erfolgschancen der neuen Regierung

Hut ab, Herr Monti! Sie haben sich einen schönen Schlamassel aufgehalst, aber als EU-Kommissar hatten Sie ja auch kein Leben in der Hängematte. Als „Supermario“ sollen Sie nun Italien aus dem Schuldensumpf ziehen – ohne einen einzigen Politiker in der Regierungsmannschaft. Das ist ein starkes Stück. Wo sind denn jetzt all die Oppositions-DiPietros und Bersanis, die 17 Jahre lang gegen Silvio Berlusconi gewettert haben? Auf Tauchstation. Mit unpopulären Reformen wollen sie nichts zu tun haben, die könnten ja die Wählerklientel verärgern. „Das war der Mario, der Mario“ werden sie dann feixend sagen, wenn es den kleinen Leuten ans Portemonnaie geht und die Volksseele kocht. Feige ist das, feige und verlogen. Denn natürlich reden sie sich damit heraus, dass die Abgeordneten von Berlusconis Gnaden niemals einer Regierung ihr Vertrauen aussprechen, in der Oppositionspolitiker mitmischen. Quatsch. Monti hätte das gedeichselt – indem er aus beiden politischen Lagern Leute ins Regierungsboot geholt hätte. Aber auch Berlusconis bezahlte Applaustruppe, also die Parlamentarier aus seiner Partei „Volk der Freiheit“, lassen das Schiff Italien lieber sinken als selbst mitanzupacken. „No grazie“ haben die Volksvertreter gesagt, ein Trauerspiel, die Kapitulation der Politik. Jetzt kommen die Banker, schreiben linke Zeitungen und empören sich über die fehlende demokratische Legitimation der neuen Regierung. Schon wahr, gewählt hat die keiner. Aber nehmen wir an, es gäbe morgen einen Volksentscheid über Montis Regierungsmannschaft. Was käme dabei heraus?

„Gente per bene“, anständige Leute, nennt der Postbote die Mitglieder der neuen Regierung, die Mario Monti in Rekordzeit zusammengestellt hat. „Die kennen sich aus, die wissen, was für Italien jetzt auf dem Spiel steht“ sagt die Besitzerin des Zeitungskiosk, die mich täglich mit Lesestoff versorgt. Und eine  kurze, keineswegs repräsentative, Umfrage in der Espressobar, in der ich morgens frühstücke, ergibt: 10 zu 2 für Monti. Die beiden Monti-Gegner sind ideologische Hitzköpfe, die vom Fall der Berliner Mauer nicht viel mitbekommen haben. Der eine wünscht sich Berlusconi zurück, weil nur der angeblich die Kommunisten fernhalte, der andere wünscht sich die Kommunisten an die Macht, damit sie das perfide Komplott der internationalen Finanzwelt gegen Italien aufdecken. Fazit: wer gesunden Menschenverstand hat, ist froh, dass Monti und seine Expertentruppe nun versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Werden sie es schaffen? Sie sind auf internationalem Parkett keine Lachnummern wie die Kasperletruppe, die früher aus Rom anreiste und das Blaue vom Himmel versprach. Das wird für eine Atempause auf den Finanzmärkten sorgten. Aber dann braucht es „Fakten, Fakten, Fakten“ und das Parlament muss all die unangenehmen Reformen zur Rettung des Staatshaushaltes absegnen. Italiens größte Gewerkschaft wird auf die Barrikaden gehen, Berlusconis Unverbesserliche werden ebenfalls auf die Regierung einschlagen, und die Leute in meiner Espressobar werden sich fassungslos fragen, wo sie eigentlich leben. In Italien, dem Land des ganz normalen Wahnsinns. Bloß kann sich den heute leider niemand mehr leisten

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Ich bin wieder da

Acht Monate Funkstille sind genug. Und das in diesen Zeiten! Wo so viel spannendes, drammatisches, tragisches  passiert in Italien. Aber genau das hat mich voruebergehend zur Schweigebloggerin gemacht. Ich habe im Radio berichtet, rauf und runter, und dann keine Worte mehr gehabt. Als ich zu bloggen begann, tat ich es, weil es mir unglaublich erschien, das sich das europäische Parlament, die europäischen Staatschefs, die Politiker in Deutschland, gar nicht drum scheren, was in Italien ablaeuft. Seit Jahren, Tag fuer Tag. Demolierung der Demokratie, Selbstbereicherung und Auspluenderung der staatlichen Kassen durch die politische Klasse, Korruption, Geschenke an die Mafia etc. etc. Tja, jetzt schauen sie nach Italien, beschaeftigen sich wohl oder uebel mit der italienischen Misere,  weil ihnen sonst der Euro um die Ohren fliegt. Bancarotta con il botto, hat meine Lieblingszeitung Il fatto quotidiano so treffend geschrieben, also Bankrott mit Knalleffekt. Wer zieht jetzt den Karren aus dem Dreck? Supermario alias Mario Monti? Wie reagieren die Gewerkschaften auf knallharte soziale Einschnitte und weniger Kuendigungsschutz? Wie verhalten sich die italienischen Unternehmer? Welche Konsequenzen erleben die Italiener in ihrem Alltag? All diesen Fragen gehe ich in der naechsten Woche nach. Mit einer taeglichen Reportage auf den drei Wellen des DeutschlandRadio, ich freu mich drauf!

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150 Jahre Italien

Vor 150 Jahren entstand das Koenigreich von Italien. Der Papst hatte seinen Machtanspruch zwar noch nicht abgetreten, aber das war ja nicht das einzige Manko, mit dem der neue Nationalstaat startete. “Wir haben Italien gemacht, jetzt muessen wir noch die Italiener machen” – dieser beruehmte Satz des risorgimento gilt im Grunde immer noch. Und der Soziologe Francesco Alberoni ist gar überzeugt, dass Italien mehr auseinander- als zueinander strebt. “Es wird sich aufloesen, in einem Krieg aller gegen alle”, sagte er mir ins Mikrophon und die Gelassenheit in seiner Stimme schreibe ich seinem hohen Alter zu. Wann fuehlen sich die Italiener als eine Nation? Wenn die Nationalmannschaft spielt, ist die erste Antwort, die mir in den Sinn kommt. Auf weitere Antworten bin ich gespannt.

Und wer mehr zum geschichtlichen Ablauf vor 150 Jahren wissen will, kann sich mein WDR Zeitzeichen hier anhoeren. Buon compleanno, Italia!

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Der Cavaliere und das Mädchen

so der Titel, den der Tagesspiegel meiner Zusammenfassung zu Rubygate gegeben hat.

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Ermittlungen gegen Berlusconi

Die ganze Welt lacht über ihn, doch das stört Berlusconi nicht im geringsten. Was ihn allerdings zunehmend nervt, ist die professionelle Arbeit der Staatsanwaltschaft Mailand. Die leitende Ermittlungsrichterin Ilda Boccassini hat  auf mehr als 300 Seiten Zeugenaussagen, Abschriften von Telefongesprächen und anderes belastendes Material gegen Italiens Regierungschef gesammelt. Ihrer Meinung nach sei die Beweislage so erdrückend, dass nicht mal ein Vorermittlungsverfahren notwendig sei, sondern man direkt mit dem Prozess beginnen könne. Sie wirft Berlusconi Erpressung unter Missbrauch seiner Amtsgewalt vor und bezahlte sexuelle Kontakte mit einer Minderjährigen.

Die Ermittlungsakte ist im Internet veröffentlicht und kann hier heruntergeladen werden.

Ab morgen zitiere ich jeden Tag um kurz nach neun Uhr morgens in der Sendung Europa heute des Deutschlandfunks aus der Ermittlungsakte und stelle die Zusammenhänge dar.

Hier der Programmtipp dazu.

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